Mit Die Odyssee wagt sich Christopher Nolan an einen der bedeutendsten Stoffe der Literaturgeschichte und interpretiert Homers Epos auf seine ganz eigene Weise. Gedreht mit modernster IMAX Technologie an beeindruckenden Schauplätzen rund um den Globus, liefert der Regisseur ein bildgewaltiges Abenteuer, das weniger auf verwirrende Zeitebenen setzt als auf große Emotionen, spektakuläre Bilder und eine intensive Reise durch Mythologie, Krieg und Menschlichkeit.
Wer bei einem neuen Nolan Film automatisch an verschachtelte Handlungsstränge wie in Inception, Interstellar, Tenet oder Memento denkt, wird überrascht sein. Die Odyssee erzählt seine Geschichte deutlich geradliniger, ohne dabei an erzählerischer Qualität einzubüßen. Ganz im Gegenteil: Gerade diese klare Struktur ermöglicht es, sich vollkommen auf die Figuren und ihre Entwicklung einzulassen. Nolans Inszenierung lebt von eindrucksvollen Kamerafahrten, perfekt komponierten Bildern und einem Gespür dafür, selbst ruhigen Momenten eine enorme emotionale Wucht zu verleihen.
Matt Damon trägt den Film mühelos auf seinen Schultern. Als Odysseus zeigt er nicht nur den unerschrockenen Helden des Trojanischen Krieges, sondern auch den gebrochenen Mann, den seine jahrelange Irrfahrt und die Schrecken des Krieges verändert haben. Zwischen diesen beiden Extremen bewegt er sich mit beeindruckender Leichtigkeit. Kleine Gesten, Blicke und seine gesamte Präsenz reichen aus, um die Entwicklung der Figur glaubhaft zu erzählen. Gerade diese emotionale Reise macht Odysseus zu einer der stärksten Figuren des Films. Auch abseits der Hauptrolle überzeugt das Ensemble auf ganzer Linie und Tom Holland beweist, dass er weit mehr ist als nur Spider Man. Er fügt sich nahtlos in das Geschehen ein und liefert eine starke Nebenrolle, die nie das Gefühl vermittelt, lediglich neben Matt Damon zu existieren. Anne Hathaway sorgt als Penelope für einige der emotionalsten Momente des Films. Mit einer ruhigen, fast zerbrechlichen Ausstrahlung vermittelt sie eindrucksvoll die Hoffnung und Verzweiflung einer Frau, die seit Jahren auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Robert Pattinson bringt dagegen eine spürbare Bedrohlichkeit mit und verleiht seiner Figur eine unberechenbare Präsenz, die in jeder Szene greifbar ist. Man lernt ihn als ZuschauerIn zu hassen und wünscht sich Odysseus her, der ihn in seine Schranken weist.
Ergänzt wird das starke Ensemble durch Jon Bernthal und Samantha Morton, die ihre Rollen überzeugend ausfüllen und der Geschichte zusätzliche Tiefe verleihen. Zendaya hinterlässt als Athena trotz vergleichsweise weniger Leinwandzeit einen bleibenden Eindruck. Mit ihrer ruhigen und beinahe mystischen Ausstrahlung wirkt sie wie eine übernatürliche Beobachterin, die das Schicksal der Menschen lenkt, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen.
Atemberaubende Bilder und eine Klangkulisse, die unter die Haut geht
Visuell gehört Die Odyssee zu den stärksten Arbeiten Christopher Nolans, denn gerade die Kriegsszenen beeindrucken mit enormer Wucht und wirken gleichzeitig erstaunlich greifbar. Doch gerade die ruhigeren Momente entfalten ihre größte Wirkung. Die Reise vorbei an der Insel der Sirenen sorgt für eine beklemmende Spannung, die lange nachwirkt, denn statt ihren berühmten Gesang hörbar zu machen, entscheidet sich Nolan für einen deutlich subtileren Ansatz. Odysseus schildert, was er gehört hat, während die Kamera eine fast traumartige Atmosphäre erschafft. So fügen sich nach und nach Szenen hinzu, die man nicht vergisst. Dazu trägt auch der Soundtrack von Ludwig Göransson maßgeblich bei, denn seine kraftvollen Sounds sorgen für einen permanenten Spannungsaufbau und verleihen vielen Szenen eine enorme Intensität.
Mehr als ein Abenteuerfilm
Obwohl Die Odyssee zahlreiche Monster, Götter und mythische Kreaturen zeigt, stehen sie nie im Mittelpunkt. Nolan nutzt die bekannte Geschichte vielmehr, um den inneren Zustand seines Helden zu erzählen, denn der einst gefeierte Krieger kehrt als gebrochener Mann zurück und muss sich nicht nur den Gefahren seiner Reise stellen, sondern auch den Folgen des Krieges. Gerade im letzten Drittel entwickelt sich daraus eine deutliche Antikriegsbotschaft, die niemals aufdringlich wirkt, sondern organisch aus der Geschichte entsteht. Der Film zeigt eindrucksvoll, dass selbst große Helden einen hohen Preis für Ruhm und Sieg bezahlen.
Podcast mit Auno von NerdWut
Wer unsere Gedanken lieber hören möchte, findet passend zu dieser Review auch einen Podcast, den ich gemeinsam mit Auno von Nerdwut aufgenommen habe. Darin sprechen wir ausführlich über Die Odyssee, unsere Highlights und die Eindrücke nach dem Kinobesuch.
Fazit
Mit Die Odyssee präsentiert Christopher Nolan vielleicht nicht seinen komplexesten Film, aber möglicherweise seinen emotionalsten. Die klarere Erzählweise macht das Epos für ein breiteres Publikum zugänglich, ohne dabei auf die visuelle und inszenatorische Stärke zu verzichten, für die der Regisseur bekannt ist. Getragen von einer herausragenden Matt Damon Performance, einem exzellenten Ensemble, spektakulären IMAX Bildern und einem mitreißenden Soundtrack entwickelt sich sein neuster Film zu einem modernen Monumentalkino, das Homers Klassiker nicht einfach nacherzählt, sondern als ganz persönliche Vision Christopher Nolans neu interpretiert. Es wirkt fast wie ein filmisches Fanprojekt eines Regisseurs, der den Mythos mit großer Ehrfurcht und zugleich unverkennbarer eigener Handschrift auf die Leinwand bringt.























