Ich erinnere mich. EIn Jahr nach der Loveparade. Wir trauern um 21 Menschen.

by • 24. Juli 2011 • Loveparade, Music, R.i.P.Comments (0)831

Es ist schon einige Wochen her, es war schwer für mich darüber zu reden, deswegen wusste es bis heute kaum jemand. Es war ein warmer Tag, er glich dem vom letzten Jahr, es war warm, ein paar Vögel waren zu sehen, die Wolken schienen riesig. Doch die Fahrt dorthin tat weh, schmerzte in der Brust, ich konnte nichts sagen. Ich erinnerte mich und weinte sehr, für mich allein, obwohl ich damals nicht allein war.

Ich erinnere mich. Es war ein warmer Tag, es sollte so wundervoll werden. Wir haben uns schon wochenlang darauf gefreut, es sollte ein Tag voller Freude, Musik und Liebe werden. Einfach mal unverhofft nette Worte hören, ein paar verrückte Leute treffen und etwas mitnehmen, ein gutes Gefühl, einen Anstoß auf das noch kommende restliche Jahr. Im Zug trafen wir noch begeisterte Menschen, die Menge tobte und sang, es war ein wundervoller Start in den Tag. Ich dachte noch: So was wie heute erleben wir viel zu selten. Zu viel Hass, zu viel Kummer… Den kann man für einen Tag mal links liegen lassen.

Bis es geschah.

Meine Kehle schnürt sich bei dem Gedanken jetzt noch zu. Wir gingen vom Bahnhof in Richtung Festgelände, auf einmal wurde der Zugang gesperrt, es hieß nur: Wir kontrollieren jetzt jeden, keiner darf mit Glasflaschen ins Gelände rein. Da fingen schon die Organisationsschwierigkeiten an. Mit extrem vielen Menschen in eine abgezäunte Straße reingedrückt zu werden ist keine tolle Vorstellung, aber im ersten Moment schien es noch in Ordnung. Man kennt das ja von Konzerten, viele Leute wollen nach vorne und so weiter. Nur das hier, das ging nicht, es waren tausende von Menschen unterschiedlicher Statur und unterschiedlichen Alters. Irgendwann eskalierte die Situation, es wurden Krankenwagen durch die Menge geschoben und da wussten wir: Das kann nicht gut gehen. Eine Stunde später gingen wir durch den Tunnel, sahen uns am Vorplatz um. Das war ca 15 Minuten vor der Katastrophe. Leute kletterten über Zäune, die Security verhielt sich nicht nur asozial (Entschuldigt den Ausdruck, aber so war es eben. Dumme Kommentare, beschämendes Lachen, blöde Beleidigungen), sondern natürlich auch manche Leute, ganz klar. Wir sahen uns das Spiel kurze Zeit an und dann wussten wir: Wir mussten rennen. Und dann fing die Panik an. Wir sahen leblose Beine unter Decken. Menschen, die wiederbelebt wurden. Es war nicht wie im Fernsehen, das war das reale Leben und der reale Tod. Man kann nichts tun, ist hilflos. Wortlos. Man spürt nichts mehr, es ist ein Schockmoment. In diesen Sekunden denkt man an nichts, außer daran, wie kurz das Leben ist. Und durch was es zerstört werden kann.

Wir liefen weg, so weit wir konnten, plötzlich wurden die Toten gezählt und ich war leer. Minutenlang, Stundenlang. Ich glaube, so hilflos war ich noch nie. Ich, die Planerin, die lebensfrohe Sam stand dort und konnte nichts tun. Außer dafür sorgen, dass wir so schnell wie möglich nach Hause kommen um uns bei denen zu melden, die uns lieben und sich um uns sorgen. In diesen Sekunden erkennt man die wahren Freunde fürs Leben. Wahre Freunde hören zu, richtige Freunde sind da und kümmern sich um das Wohl des anderen. Ich bin für jeden dieser Freunde dankbar, sie sind mir ans Herz gewachsen.

Die Zeit danach war für mich sehr schlimm. Ich konnte kaum damit umgehen, mein kostbarer Schlaf, von dem ich sonst schon sehr wenig bekomme, wurde immer weniger. Viele so genannte Experten äußerten sich, erzählten Lügen, betrogen die Leute um ihre persönliche Trauer. Ich war so wütend. Montags hörte ich nur Sprüche wie „Die Drogenabhängigen haben nichts anderes verdient!“ oder „Diese ungläubigen Satanisten-Bum-Bum-Spinner!“ oder eine Woche später: „Ich kann es nicht mehr hören, Loveparade hier, Loveparade da…!“

Und was ist mit den Familien? Mit den Opfern? Mit den Leuten, die vor Ort waren? Die können und werden das niemals vergessen, da helfen diese Sprüche auch nicht weiter. Ich lebe drogenfrei (Musik ist meine Droge!), ich trinke kaum Alkohol, bin serbisch-orthodox und gläubig. Und ich war auch mittendrin. Und jetzt? Hätte ich solch einen Tod auch verdient? Was haben Einstellungen, Verhaltensweisen oder ein gewisser Musikgeschmack damit zu tun? NICHTS. Und das wollen sehr wenige Menschen akzeptieren.

Die Schuld liegt nicht bei denen, die dort hin sind, um zu feiern. Wer Schuld hat, das bestimme nicht ich, dazu habe ich kein Recht. Aber ich kann sagen: Wir waren es nicht. Und das gerät in Vergessenheit.

Natürlich hat mich das ganze geprägt, ich versuche, das Leben zu genießen und helfe anderen so gut ich kann. Ich habe gelernt, Menschen zu achten, egal woher sie kommen oder was sie für Vorlieben haben. Tolleranz, Verantwortung und die riesige Angst davor, so etwas erneut erleben zu müssen. Das begleitet mich immer. Mich kann seitdem nichts mehr so leicht schocken, denn eine der schlimmsten Situationen habe ich miterlebt.

Ich besuche wieder Konzerte, vor Enge habe ich Respekt, aber ich konnte mich wieder auf sie einlassen. Aber vor Tunneln habe ich eine richtig beschissene Angst. Vor einigen Wochen waren wir auf dem Free your Mind Festival in Holland, alles war in Ordnung, bis ich einen Tunnel sah. Dieser hier war natürlich viel breiter, höher und viel kürzer, maximal 10 Meter. Aber es war schrecklich. Ich musste da weg, ich habe keine Sekunde darin ausgehalten. Ich kann das nicht einfach abschalten oder vergessen, was dort passiert ist. Bei vielen Songs begleitet mich das alles ein Stück. Das zu verarbeiten fällt schwer.

Wen so etwas kalt lässt oder wer davon genervt ist, sollte über sich und sein Leben nachdenken. Ich wünsche niemandem, dass er oder sie jemals wieder so etwas erleben muss. Wenn ich mir Interviews von Angehörigen durchlese, in denen sie den Tag schildern, an dem alles passiert ist, wird mir schwindelig. Was wäre, wenn das meiner Familie passiert wäre? Oder meinen Freunden? Was wäre dann geschehen? Genau dieser Gedanke leitet mich, bevor ich mir über irgendwas jemals wieder ein Urteil bilde.

Ich trauere und gedenke, nicht jedes Jahr, sondern jeden Moment.

Sam.

Siehe auch:

Der Montag nach der Loveparade

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